Laila

In dem spanischen Tierheim, in dem man Laila auf 2,5 Jahre schätzte und wo sie genauso lange ihr Leben lebte, hieß sie noch May.

Am 12.09.2010 schlug für sie die Stunde NULL, sie kam als Auswanderin aus Spanien nach Deutschland, bekam einen neuen Namen, ein neues Frauchen und ein neues Zuhause – vermutlich das Erste in ihrem Leben…

Alles war neu, spannend, aufregend und beängstigend zugleich für die kleine Mischlingshündin. Sie kannte bislang nur das Tierheim und dort schien es ihr auch nicht gut ergangen zu sein, denn sie hat eine untypisch kupierte Rute und ein zerfledertes Ohr auf Grund einer Bissverletzung, wie wir vermuten.

Ich lernte Laila am fünften Tag nach ihrer Anreise kennen, als ich sie und Frauchen zum Probelauf abgeholt habe. Da stand sie, zitternd vor Angst und Aufregung, wegen der Strassengeräusche, vor ihrer Haustür… Die Rute unter den Bauch geklemmt, die Ohren schienen an den Hals angewachsen, sie duckte sich bei jedem lauterem Geräusch und wäre am liebsten vor Panik weggelaufen, wenn jemand zu dicht an ihr vorbeiging, sich zu schnell in ihrer Nähe bewegte.

„Sie hat vor allem Angst.“, sagte Frauchen. „Das ist ein Hund mit 100 Baustellen an denen wir arbeiten müssen. Das haben mir die Leute von der spanischen Nothilfe verschwiegen. Sie hat Angst vor Menschen, vor anderen Hunden, vor den Dingen des täglichen Lebens. Sie kennt absolut nichts und all das, was sie jetzt kennen lernt, bereitet ihr Panik… Wenn ich mit ihr rausgehe, klebt sie mir nur am Bein und möchte wieder zurück in die Wohnung. Ich glaube nicht, dass wir eine Schleppleine für den Probelauf brauchen werden, denn sie wird mir vermutlich nicht von der Seite weichen…. “

Laila bekam trotzdem eine Schleppleine, als wir im Auslaufgebiet ankamen. Frauchen lief mit ihr einige Meter vor und ich ließ nach und nach alle meine Hunde zu ihr hinlaufen, um sie zu beschnuppern. Laila wäre bei dem Begrüßungsritual am liebsten in ihr Frauchen reingekrochen, um sich zu verstecken, wenn es möglich gewesen wäre. Da dies nicht ging, stand sie zur Salzsäule erstarrt da und ließ alles über sich ergehen.

Kurz und schmerzlos war die Sache auch schon überstanden und mein Rudel widmete sich anderen Dingen zu, die wichtiger wie Laila zu sein schienen, wie das tägliche „Zeitungslesen“. Laila schaute erst skeptisch, begann sogleich aber mit der Nachahmung und schnupperte ebenfalls mal hier mal da und nahm sich dann jeden Kandidaten aus dem Rudel einzeln vor, um ihn ihrerseits zu beschnuppern, was sie sich vorher nicht traute.

Innerhalb der ersten 200 Meter wurde sie selbstsicherer, sie nutzte die Schleppleine auf der gesamten Länge aus und die Rute richtete sich auf. Dann lief sie mit mir auf gleicher Höhe, beobachtete mich und schaute mir direkt in die Augen. Ich ignorierte sie. Doch als ich sie irgendwann direkt anschaute und ihr somit die Aufforderung gab, zu mir zu kommen, mich niederkniete, um mit ihr auf einer Augenhöhe zu sein, und sie auch mich ausgiebig beschnüffeln konnte, in dem Moment waren ihre Ängste mir gegenüber weggeblasen. Sie fing an vertrauen zu fassen und mich als Rudelführer anzusehen.

Der Probelauf hätte für uns beide nicht schöner sein können. Laila verlor ihre Angst und ihre Scheu den anderen Rudelmitgliedern gegenüber und machte ihrerseits erste Spielaufforderungen. Sie wollte rennen, mitmachen, mitmischen, mitspielen, beobachtete alle und jede Situation, begann sich an mir zu orientieren und sie begann sich eigenständig ins Rudel zu integrieren…. Es war einfach toll zu erleben, wie aus einem Häufchen Angst, ein richtiger NORMALER Hund wurde.

Unsere erste gemeinsame Woche:

Der Probelauf fand am Freitag statt. Als ich am Montag das erste Mal hinfuhr, um Laila abzuholen, war Frauchen auf Arbeit. Die Hauseingangstür stand offen, weil im Hof Gartenarbeiten durchgeführt wurden. Endlich im fünften Stock angekommen, wusste ich nicht, was mich erwartet, weil auch die Wohnungstür sperrangelweit offen stand. Ich ging hinein und rief laut „Hallo“, aber es antwortete niemand. Ich hörte nur laut das Radio spielen… und plötzlich kam Laila um die Ecke aus dem Schlafzimmer und schaute ebenso erschrocken aus der Wäsche wie ich. Scheinbar hat sie sich die Tür selbst aufgemacht, sich aber nicht getraut die Treppen runter zu gehen, was ein Glück für alle Beteiligten war, im Hinblick darauf, dass unten die Hauseingangstür offen stand und sie an einer stark befahrenen Strasse mitten in der City wohnt….

Laila war völlig verängstigt und rannte vor mir weg. Egal wie ich mich ihr nähern wollte, die Panik überwog und sie ging über Möbel und Wände, um von mir weg zu kommen…

Ich setzte die ganze Palette an Beschwichtigungssignalen ein bis ich sie beruhigen und anfassen durfte… Ein Angsthase folgte mir anschließend zitternd auf dem Weg zum Auto und ich musste sie auf den Arm nehmen und reinsetzen…

Sie lag an der Hecktür, wo jeder nachfolgende Hund, der einsteigen sollte, über sie stolpern musste. Sie sabberte vor Stress eine ganze Pfütze, klemmte den Schwanz unter sich ein und bewegte sich keinen Millimeter… Aber als wir im Auslaufgebiet ankamen, sie alle Kandidaten, die mit ihr im Auto saßen, erneut beschnuppern konnte und merkte, wo wir uns befanden, da wurde auf den ersten Metern ein ganz anderer Hund aus ihr.

Ich habe zwei Schleppleinen aneinander gebunden und gab ihr somit 20 Meter Freiraum, die sie auch nicht überschritt. Sie rannte jeweils 19 Meter vor und zurück ohne sich dabei in der Leine zu erhängen und kam immer wieder zu mir zurück, um sich zwischen meinen Beinen zu verstecken, wenn ihr das Spiel zu heftig wurde oder sie Angst bekam.

An unserem Pausenplatz angekommen ließ ich sie an nur einer Schleppleine freilaufen. Sie taute richtig auf, enttäuschte aber auch nicht mein Vertrauen. Laila behielt mich immer im Blick und kam alle Nase lang zu mir zurück…

Auf dem Rückweg behielt ich die Schleppleine wieder in der Hand, denn die Hunde und Menschen außerhalb des Rudels waren ihr noch nicht geheuer.

Als ich sie am Dienstag abholte, hatte Frauchen vorsorglich die Wohnungstür abgeschlossen. Nachdem ich die Tür aufschloss, stand Laila bereits im Flur und wartete. Sie ließ sich an die Leine nehmen und kam bereitwillig mit.

Wir machten weitere Fortschritte, denn ich habe sie schon einen kleinen Teil der Strecke mit der Schleppie aber dennoch frei laufen lassen. Sie lernte das Rudel von Melanie und Bea kennen und bewegte sich relativ Angstfrei zwischen 25 Hunden. Am Pausenplatz lief sie Leinenfrei mit den anderen Hunden mit, spielte mit jedem, der sich anbot und kam immer wieder freudestrahlend zu mir hin, um sich einige Streicheleinheiten abzuholen. Und sie stieg freiwillig ins Auto, als es wieder nach Hause ging.

Am Mittwoch stand die Süße schon hinter der Tür, als ich kam, und begrüßte mich mit einem wedelndem Schwanz. Sie hopste von sich aus gleich ins Auto und begrüßte freudig die anderen Hunde. Den halben Weg lief sie ohne Schleppleine. Sie rannte mit den anderen Hunden auf Hundebesitzer und Hunde zu, die sie in den letzten zwei Tagen kennen gelernt hatte und ließ sich auch von denen anfassen… Sie blühte richtig auf….

Seit Freitag, also nur fünf Tage, nachdem wir uns das erste Mal begegnet sind, läuft Laila wie ein alter Hase in unserm Rudel mit. Sie braucht keine Schleppleine mehr, denn sie hat gelernt, wem sie folgen sollte. Sie hat keine Angst mehr vor fremden Menschen, die wir treffen und auch keine Angst vor Hunden, die sie nicht kennt. Sie geht neugierig auf alle zu und das Rudel gibt ihr Halt und Selbstvertrauen, was täglich wächst. Laila ist kein Angsthase mehr! Nein – sie hat jetzt sogar eine Stimme, die sie auch einzusetzen weiß. Sie ist frech und weiß sich zu wehren, wenn ihr was nicht passt!

Laila hat gelernt zu vertrauen und ihr Vertrauen wird belohnt. Sie hat eine ungeheuere Entwicklung innerhalb von nur 5 Tagen gemacht. Sie war eine Herausforderung und ich bin froh, dass wir uns dieser gestellt haben…