Kaila

Kaila war ein Abbild von einem Schäferhund in der Größe eines Pinschers. Sie war ein afrikanischer Srassenhund, den Frauchen während ihrer Dienstzeit dort aufgelesen hat und anschließend mit nach Deutschland brachte.

Als wir uns zum Probelauf trafen, lief sie mit eingezogenem Schwanz am Bein ihrer Besitzerin, knurrte jeden Hund an und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst, weil ihr das Alles unheimlich war. Je mehr sie auf Distanz ging, um so interressanter wurde sie aber für die Rudelhunde, die alle mindestens das doppelte und dreifache von ihrer eigenen Körpergrösse hatten. Keiner wollte ihr was tun, aber Kaila schob Panik, als hätte man sie den Löwen zum Fraß vorgeworfen….

Ihr Verhalten Menschen gegenüber war nicht viel anders. Frauchen erzählte uns, daß sie Angst vor Männern hatte, weil sie von einem Mann schlecht behandelt wurde. Sie hatte auch Angst vor Kindern, weil diese sie als Strassenhund in Afrika mit Steinen beworfen haben. Kaila hatte grundsätzlich Angst, erst Recht hier bei uns in Berlin, weil alles für sie fremd war: die großen Hunde, die großen Strassen, die Menschenmengen, die Autos… Sie war ein kleines zitterndes Etwas, was man am liebsten auf den Arm genommen hätte, um es zu beschützen, aber das mochte sie auch nicht, das machte ihr auch ANGST.

Der Probelauf war für Kaila purer Streß und so dachte ich am Ende, daß Frauchen die ganze Sache dabei belassen würde und wir den kleinen Muck nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Aber Frauchen überraschte uns, obwohl es ihr selbst nicht so geheuer schien, war sie ganz cool und fand, daß Kaila schon aus Therapiezwecken in unseres Rudel aufgenommen werden sollte.

Als ich am darauf folgenden Tag die Wohnung betrat, stand Kaila an der Tür. Sie freute sich ein wenig, kniff aber sogleich den Schwanz wieder ein und war sehr unterwürfig. Als ich mich zu ihr kniete und ihr ans Halsband faßte, um die Leine anzulegen, schmieß sie sich auf den Boden und schrie wie am Spieß.

In dem Moment war ich genauso erschrocken wie sie und ließ schnell die Finger von ihr. Mit freudigen Worten brachte ich das zitternde Hundekind dazu wieder aufzustehen. Ein erneuter Versuch brachte das gleiche Ergebnis – so funktionierte es also schon mal nicht!

Nach einigen Fehlschlägen fanden wir beide eine entspannte Variante des Anleinens: Ich stand aufrecht, ließ Kaila sich an meinem Bein auf zwei Beinen aufrichten, durfte ihr dabei den Kopf tetscheln und die Leine fest machen. Weitere Körperteile durfte ich nicht berühren, dazu war sie noch viel zu mißtrauisch und geriet in Panik.

Frauchen erzählte mir, daß Kaila gern Auto fährt, aber nur, wenn man sie vorne auf den Beifahrersitz läßt. Meine Hündin Amanda räumte ihr diesen Platz gern ein, aber Kaila zog es vor sich im Fußraum breit zu machen, was von nun an ihr persönlicher V.I.P. Platz werden sollte. Und wehe ein anderer Hund wagte es die Nase in ihren Bereich zu stecken, da wurde sie zur Bestie und verteidigte ihren Platz mit gezielten Nasenbissen! Was, wie ich fand, auch Vorteile für mich bot, wenn ich gefressige Hunde mit im Auto hatte, die sich über mein Frühstück hermachen wollten, wenn ich das Auto verließ. – Ich hatte einen Saluki (Windhund) namens Jean Luc, der immer auf der Suche nach Essbaren war. Dieser Hund hatte es drauf alle Küchenschränke auszuräumen und wenn er dabei nur eine Dose mit Kakaopulver gefunden hat, so wurde diese ausgeschleckt… Und ob ich mein Frühstück im Rucksack oder Handschuhfach im Auto verstaute, interressierte ihn auch nicht wirklich, ich weiß nicht wie, aber er schaffte es alles aufzumachen. Bis Kaila kam! Ich legte meine belegten Brötchen unter ihre Decke und konnte mir sicher sein, daß sie da noch im unangeknabberten Zustand lagen, wenn ich sie essen wollte.

Nach und nach machte Kaila eine tolle Entwicklung in unserem Rudel. Man konnte dabei zusehen, wie sie selbstsicherer wurde und Vertrauen gewann. Aus dem zitternden Etwas mit eingeklemten Schwanz wurde eine kleine Diva, die sich durchzusetzen wußte. Die Größe der Hunde spielte bald keine Rolle mehr, wenn Kaila in Stimmung war, spielte sie mit allen. Wenn Kaila übel gelaunt war, dann terrorisierte sie die anderen Hunde. Sie rannte hinter ihnen her, jagte sie regelrcht und zwickte sie ins Hinterteil. Unserer Pointer-Gasthündin Quiri hatte sie soviel Respekt vor sich eingeflüst, daß diese sich gleich auf den Rücken legte, wenn Kaila in Anmarsch war. Nicht das es ihr Etwas genutzt hätte, denn sie wurde trotzdem in den Hintern gezwickt…

Schon bald rannte die Kleinste des Rudels knurrend mit aufgestellter Bürste am Kopf der Gruppe voran, wenn uns fremde Hunde entgegen kamen und machte ein Aufriß durch ihr Gebell – wohlwissend, daß das Rudel hinter ihr ist! Nicht umsonst bekam sie von uns den Rufnamen „Kille“, wobei wir das „R“ am Ende des Wortes immer verschluckt haben. Unser kleiner Kampfhund besaß aber soviel Charme, daß ihr keiner böse sein konnte, wenn sie sich den Spaß machte andere Hunde zu zwicken. Und Spaß hatten wir eine Menge in den vier Jahren, in den Kaila bei uns war. Sie brachte alle zum Lachen, wenn ich sie bei mir Zuhause zur Pflege war, und ich erzählen mußte, daß sich drei Dobermänner nicht auf das Sofa gewagt haben, weil Kaila drauf lag und sie weggeknurrt hatte.

Mein kleiner Schnupsel mußte uns im Juni 2009 leider verlassen, weil Frauchen beruflich wieder nach Afrika ging …