Bärchen

Es war noch ganz am Anfang meiner Karriere als Dogwalker, als ich einen unerwarteten Anruf aus Moskau erhielt. Am anderen Ende meldete sich Jemand, der mit seinem Hund in wenigen Wochen nach Berlin ziehen würde und einen Gassi-Service suchte…

Als ich mich auf den Weg machte meinen neuen Kunden kennen zu lernen, wusste ich nur, dass es sich um einen großen, 10 jährigen, unkastrierten Rüden namens Bärchen handeln sollte. Die Rasse „Sarplaninac“ sagte mir nichts und ich wollte mich überraschen lassen. Die Überraschung war perfekt, als die Tür aufging und mir ein 60 kg Kaukase in die Augen blickte. Ich schluckte.

Ein Bekannter von mir züchtete Kaukasen und ich wusste, dass sie sich Fremden gegenüber sehr misstrauisch zeigen und man ihnen mit Vorsicht begegnen sollte…

Zwischen Unmengen an Umzugskartons fand ich mit der Besitzerin eine Sitzgelegenheit und sie erzählte mir die Lebensgeschichte ihres Vierbeiners, während sich dieser einen Platz auf meinen Füssen aussuchte und mir den Kopf auf die Knie legte.

Ich stellte fest, dass Bärchen a) ein Schmusetier war und b) in seinen zehn Jahren mehr von der Welt gesehen hat, als ich mit 29 Jahren.

Sein Frauchen hat ihn 1994 im damaligen Jugoslawien gekauft und „Sarplaninac“ war die jugoslawische Rassebezeichnung für eine Unterart des Kaukasen.

Von Jugoslawien aus gingen sie gemeinsam nach Amerika, wo Bärchens Gassirunden im Central Park von New York statt fanden. Dann zogen sie weiter nach Moskau und nun kamen sie nach Berlin.

Doch hier gefiel es Bärchen nicht so wirklich, da er sein Leben lang Haus und Garten zur Verfügung hatte und sich nun mit einer Wohnung ohne Balkon zufrieden geben musste.

Wir gingen „laut der Besitzerin“ in einen kleinen Park – in Wahrheit: eine Grünfläche auf dem Unigelände – spazieren.

Frauchen machte den Hund von der Leine ab, was mich arg erstaunte, nachdem sie mir eben erzählte, dass ihr Hund sich nicht mit anderen Rüden vertragen würde, und ich sehen musste, dass der „Park“ voll von Hunden unterschiedlichen Geschlechts war.

Schlimmer noch: Die Halterin richtete sich die ganze Zeit über nach dem Hund, als er noch angeleint war, weil er auf kein einziges Wort reagierte… ( Zog der Kaukase nach Rechts, dann richtete sich das Leinenende danach und wir schlugen den rechten Weg ein… Wollte er Links etwas erschnuppern, da halfen auch die Worte: „Bleib hier! Hier gehen wir lang!“ nicht viel, die einfach in unsere Unterhaltung mit eingebaut wurden und dem Hund total egal zu sein schienen, wenn er sie denn überhaupt zur Kenntnis nahm… schon liefen wir links – Querfeldein über die Wiese – immer dem Hund hinterher, der uns den Weg wies!)

Als ich die Frage nach dem Grundgehorsam stellte, manchmal kann ich meinen Sarkasmus nicht verbergen, schauten mich zwei große Fragezeichen an. „Sitz, Platz..“ versuchte ich der Hundehalterin auf die Sprünge zu helfen…

Doch auf die Antwort war ich nicht vorbereitet!: „Nein“ sagte sie, „so was habe ich ihm nie beigebracht. Er ist ein Hund und soll ungezwungen leben können, wenn ich ihn schon der Großstadt aussetze…!“

Wie ungezwungen das Verhältnis der Beiden war, sah ich wenige Augenblicke später, als wir einige Hunde auf der Wiese erblickten. „Schau Bärchie, da ist deine Freundin von heute morgen.“, sagte die Besitzerin und deutete auf eine Schäferhündin, die mit einem Pinscher spielte.

Bärchen setzte seinen Gang unbeeindruckt von ihren Worten in diese Richtung fort. Als er der Schäferhündin ans Hinterteil wollte, stellte sich der Pinscher ihm in den Weg und wollte ihn mit lautem Kläffen und Knurren vertreiben. Bärchen machte kurzen Prozess und nahm sich den Kleinen, der zu seinem Glück schneller und wendiger war, zur Brust.

Das Frauchen von Bärchen blieb im Abstand von 10 Metern wie angewurzelt stehen, schüttelte den Kopf und wiederholte dauernd: „Bärchen! Das hast du doch schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Bärchie, lass das.“

Währenddessen fing die Besitzerin den Pinscher ein und hielt den wutentbrannten und größenwahnsinnigen, zappelnden Hund auf dem Arm. Sie drehte sich links und rechts, immer mit dem Rücken zu Bärchen, als dieser Versuchte an ihr hochzuspringen, um den Pinscher zu erwischen.

Sie brüllte die Besitzerin von Bärchen an, dass diese doch endlich mal ihren Hund holen sollte, aber Bärchies Frauchen stand immer noch an Ort und Stelle und sagte immer wieder mit betont ruhiger Stimme: „Aber Bärchen, so was macht man nicht!“

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als in das Geschehen einzugreifen. Ich riss der Frau die Leine aus der Hand, rannte los, schnappte mir den Kaukasen am Halsband, entschuldigte mich bei der Pinscherhalterin und zog mit Bärchen von dannen.

Alles worauf ich noch wartete, war der Spruch „Er tut doch nichts, er wollte nur spielen!“

Auf dem Rückweg nach Hause, plumpste es auf einmal neben mir. Als ich hinsah, lag Bärchie (alle Viere von sich gestreckt) mitten auf der Strasse. „Was ist jetzt los?“ fragte ich erschrocken. „Er mag manchmal nicht weiterlaufen, dann schmeißt er sich hin und macht Pause, egal wo wir sind… Jetzt warten wir so lange, bis er wieder aufsteht.!“, wurde mir erklärt, während Frauchen Bärchies dickes Bauchie zu kraulen begann, als dieser sich, sichtlich entspannt, auf die Seite legte.

Am nächsten Tag holte ich Bärchen zu unserem ersten Spaziergang im Hundeauslaufgebiet ab.

Von nun an lernte er mit 10 Jahren Grundgehorsam und ich testete ihn immer wieder im Umgang mit anderen Hunden. Und weil Bärchen für ein Leckerli selbst einen Handstand gemacht hätte, lernte er schnell…

Nach und nach vergrößerte sich mein Rudel und Bärchen wurde mein erster Rudelführer.

Keiner versuchte ihm den Rang abspenstig zu machen, alle akzeptierten und respektierten ihn. Er war ein souveräner Chef und eine große Kuschelmaus zugleich. Er war einfach toll.

Immer wenn Bärchen bei mir Zuhause in Pflege war, freute sich mein Kater „Baby“ über dessen Anwesenheit. Das große Fellknäuel war toll zum kuscheln – nichts im Vergleich zu unserer Dobermann-Hündin Amanda mit ihrem kurzen Haarkleid.

Mein Kater turnte auf diesem riesigen Hund rum, machte „Milchtreten“ auf seinem Bauch und schlief auf seinem Rücken. Bärchen, der nie vorher in seinem Leben eine Katze näher als auf 5 Meter gesehen hat, interessierte das alles nicht, er blieb einfach liegen und ließ den Kater gewähren.

Mein „Dicker“ lief zwei Jahre mit uns mit, aber dann schaffte er die Strecke nur noch unter Schmerzmitteln und hatte mehr Spaß an den Pausen, als am Laufen… Daher sagte ich Frauchen, dass ich ihn nicht mehr mitnehmen würde. Ich habe den Job wegen meiner Liebe zu Hunden angefangen, und nicht, um „auf Teufel komm raus“ Geld zu verdienen…

Wenige Monate später wurde bei Bärchen Krebs diagnostiziert. Er hielt sich wacker und schaffte noch weitere zwei Jahre im langsamen Tempo…

Am 19. Mai 2008 wäre mein Bärchie 14 Jahre alt geworden, aber durch den Krebs musste er 3 Wochen zuvor eingeschläfert werden.

Er bleibt für mich unvergessen, als mein erster Rudelchef und mein Kuschelbärchie!

Einem alten Hund kann man keine neuen Tricks beibringen, lautet eine jener Weisheiten, die sich auf Englisch (You Can’t Teach An Old Dog New Tricks) besser anhören als auf Deutsch… Durch Bärchen habe ich gelernt, dass dies ein Mythos ist!