Alma

Bevor ich zum Kennlerntermin fuhr, habe ich Alma schon einige Male gesehen und diverse Geschichten über sie gehört.

Als Frauchen mit ihr ankam, stellte ich freudig überrascht fest, dass auch Alma sich an mich erinnern konnte, obwohl unsere Begegnungen meist nur kurz waren. Sie zog Frauchen in meine Richtung, wedelte mit der Rute und stubste mich mit der Nase…

Alma war die Nachbarin von Bärchen, doch wie ich von ihrer Besitzerin vernahm, ignorierte sie den Grossen und strafte ihn mit Missachtung bei jedem Treffen. Dies änderte sich, als sie anfing mit meinem Rudel mitzulaufen. Alma strahlte wie Bärchen eine innere Ruhe und Kraft aus. Sie war ein Sturkopf, der gern sein eigenes Ding drehte, wie es schien und kaum Interesse am Geschehen oder den anderen Hunden hatte.

Alma ging die Sachen mit Ruhe und Gelassenheit an, ließ sich nicht gern hetzen und wenn man nicht darauf achtete, ließ sie sich gern nach Hinten fallen, erst 10m, dann 20m, dann 100m und legte sich dann mitten im Nirgendwo nieder, um Pause zu machen und zu entspannen… Sie war ein typischer Herdenschutzhund, der seine Kräfte gern für die wichtigen Sachen im Leben aufsparte. Und die wichtigen Sachen waren für Almie „Gewehr bei Fuß“ zu stehen, wenn Gefahr drohte. Das soll heißen, wenn sich Rudelfremde (egal ob Hund oder Mensch) näherten, war ihre Aufmerksamkeit geweckt. Egal in welchem Abstand sich Alma befand, sie hatte alles unter Beobachtung und im entscheidendem Moment war sie zur Stelle, um einzugreifen.

Alma brauchte nicht lange, um sich den Platz als Rudelchefin zu sichern. Sie bildete mit Bärchen als Rudelchef ein perfekt funktionierendes Team… Nach wie vor, wirkte es, als ob die Beiden nichts miteinander am Hut hätten, doch wer hinter die Kulissen schauen konnte, erkannte ihre enge Bindung und Beziehung zueinander.

Eine Geste, eine zufällige Berührung, wie es schien, eine für das menschliche Auge kaum greifbare Kommunikation und die Beiden waren sich einig. Im Auto lagen sie im hinteren Bereich dicht bei einander und es gab niemanden, der sich gewagt hätte in ihren persönlichen Bereich einzutreten…

Auch nach Bärchens Tod, war Alma bis zu ihrem eigenem Ableben ( Jahre später ) die Rudelchefin, die von allen respektiert wurde. Wenn sie ins Auto einstieg, nahm sie keine Rücksicht auf Verluste, sie nahm sich den Platz, der ihr zu stand und schaffte sich den eigenen Freiraum, den privaten Bereich, der ihr allein gebührte.

Doch nie wieder hatte Alma eine solche Beziehung zu einem der nachfolgenden Rudelchefs entwickelt, egal ob es Fenny oder hinterher Teutates wurde, wie sie einst zu Bärchen hatte. Still und heimlich regierte Alma das ganze Rudel, denn Bärchens Nachfolger konnten ihr nicht das Wasser reichen und was die (mittlerweile) alt gewordene Frau befahl, war immer noch Gesetz und wurde ausgeführt.

Wovor sie ihr Leben lang keinen Halt machte, waren weiße Schäferhunde. Mit denen hatte Alma schlechte Erfahrungen gesammelt und ging von 0 auf 100 in einer Sekunde, auch wenn zwischendurch die Beine versagten oder sie das Gleichgewicht verlor, da war sie nicht zu bremsen. Kaum zu fassen, für alle, die sie kannten, wie viel Energie sie aus dem Nichts heraus entfachen konnte…

Alma gehörte 6 Jahre lang zu meinem Rudel – zu mir. Es gibt viele wunderbare Geschichten, die ich über sie erzählen kann, wie sie z. B. zu ihren verschiedenen Spitznamen im Laufe der Zeit kam von Alma – Almina – Alminus – Minus…

Wie sie unterschätzt wurde, weil sie immer geschoren war und man ihr somit fälschlicher Weise Ähnlichkeit mit einem Bobtail nachsagte, woraufhin die Leute sie immer ganz toll und süß fanden und sie streicheln wollten, und kaum, dass sie die Hand zu ihr hin ausstreckten, Alma ihnen demonstrativ ihren Irrtum vorführen wollte….

Wie sie auf Anhieb eine innige Bindung zu meinem Mann aufbaute, sich durch seine bloßen Worte zum Rennen und Stöckchenspielen animieren ließ, sich freute ihn zu sehen und ihm nicht von der Seite wich, während ich einen Kopfstand hätte machen müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen….

Aber eine Geschichte liegt mir am Herzen, die über Almies Lebenswandel:

Ihr Frauchen hatte einen Notfall und ich nahm Alma über Nacht mit zu mir nach Hause. Kaum das wir meine Wohnung betraten, wurde aus meiner langsamen, gediegenen, ruhigen Alma eine Bestie, als sie meine beiden Katzen nur gerochen hatte.

Die Nacht brachte nicht viel Schlaf, denn Alma stand unter Strom und war auf 180, obwohl ich sie vorsorglich von den Katzen getrennt, im Wohnzimmer eingesperrt hatte und mit ihr, Amanda und Schnecke die Nacht im gleichen Raum verbrachte, versuchte sie beim kleinsten Geräusch, welches von den Katzen ausging, die Tür einzurennen. Sie versuchte buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand zu kommen, um meine Katzen zu fressen oder sie in der Luft zu zerreißen …

Die nächsten zwei Jahre brachte Frauchen sie daher woanders unter, bis wieder ein Notfall eintrat und Alma gleich mehrere Tage bei mir verbringen sollte.

Auf das schlimmste vorbereitet, kam ich mit Alma Zuhause an, aber es passierte gar nichts! Sie sah meine Katzen im Flur sitzen und tat NICHTS! Sie schaute sie an und gab keine weitere Reaktion von sich. Ich behielt sie an der Leine, weil ich dem Frieden nicht traute und ließ meine Katzen weitgehend gewähren. Doch Alma hatte kein Interesse mehr an ihnen. Sie knurrte sie nur an, wenn sie zu dicht an sie ran kamen, was die Miezen auch begriffen und das war´s dann auch schon… Thema beendet!

Von nun an, verbrachte Alma immer ihren Urlaub bei uns, arrangierte sich mit den Katzen und es war jedes Mal, als ob sie zu unseren Haushalt gehören würde. Wo sie in ihren eigenen vier Wänden Theater veranstaltet hatte, wenn Fremde die Wohnung betraten und man sie zum Teil wegschließen musste. Akzeptierte sie bei uns alle Besucher, sofern sie eine persönliche Begrüßung bekam…

Doch eines Tages, als Alma ihren Urlaub bei uns antreten sollte, war plötzlich alles anders, denn wir hatten eine dritte Katze, ein Baby, welches hauptsächlich von Teutates aufgezogen wurde. Piu ignorierte meine Katzen und beschäftigte sich viel lieber mit ihren Hundegeschwistern, sie hatte weder Angst, noch Respekt vor Hunden und ließ sich auch durch Knurren nicht beeindrucken…

Um sicher zu gehen, dass nichts geschehen kann, bekam Alma einen Maulkorb um. Aber es geschah nichts! Alma hat mir bewiesen, dass ich ihr im Umgang mit Piu vertrauen kann und bekam den Maulkorb nach 20 Minuten wieder ab. Sie war zwar manchmal genervt, wenn die kleine Katze permanent auf dem Körbchenrand balancierte, über ihren Rücken lief und sie als Klettergerüst missbrauchte, aber sie ließ es auch zu, dass Piu sich an sie kuschelte und mit ihr gemeinsam in ihrem Körbchen ein Schläfchen hielt.

Alma fühlte sich bei mir Zuhause und akzeptierte alle Familienmitglieder und das war ein sehr schönes Geschenk für mich.

Um so trauriger machte es mich, als Minus von uns ging, denn ich habe nicht nur meine Rudelchefin und ein Rudelmitglied verloren, sondern auch ein Familienmitglied.

Doch ich bin froh und glücklich darüber, dass wir uns kennen lernen und so viele Jahre miteinander verbringen durften… Und jetzt (nachdem ein wenig Zeit verstrichen ist ) erinnere ich mich mit einem Lächeln an meine Almina, als einen ganz besonderen Hund, der mir wahrscheinlich mehr beigebracht hat, als ich ihr… Ich vermisse sie sehr.