Alma

Bevor ich zum Kennlerntermin fuhr, habe ich Alma schon einige Male gesehen und diverse Geschichten über sie gehört.

Als Frauchen mit ihr ankam, stellte ich freudig überrascht fest, dass auch Alma sich an mich erinnern konnte, obwohl unsere Begegnungen meist nur kurz waren. Sie zog Frauchen in meine Richtung, wedelte mit der Rute und stubste mich mit der Nase…

Alma war die Nachbarin von Bärchen, doch wie ich von ihrer Besitzerin vernahm, ignorierte sie den Grossen und strafte ihn mit Missachtung bei jedem Treffen. Dies änderte sich, als sie anfing mit meinem Rudel mitzulaufen. Alma strahlte wie Bärchen eine innere Ruhe und Kraft aus. Sie war ein Sturkopf, der gern sein eigenes Ding drehte, wie es schien und kaum Interesse am Geschehen oder den anderen Hunden hatte.

Alma ging die Sachen mit Ruhe und Gelassenheit an, ließ sich nicht gern hetzen und wenn man nicht darauf achtete, ließ sie sich gern nach Hinten fallen, erst 10m, dann 20m, dann 100m und legte sich dann mitten im Nirgendwo nieder, um Pause zu machen und zu entspannen… Sie war ein typischer Herdenschutzhund, der seine Kräfte gern für die wichtigen Sachen im Leben aufsparte. Und die wichtigen Sachen waren für Almie „Gewehr bei Fuß“ zu stehen, wenn Gefahr drohte. Das soll heißen, wenn sich Rudelfremde (egal ob Hund oder Mensch) näherten, war ihre Aufmerksamkeit geweckt. Egal in welchem Abstand sich Alma befand, sie hatte alles unter Beobachtung und im entscheidendem Moment war sie zur Stelle, um einzugreifen.

Alma brauchte nicht lange, um sich den Platz als Rudelchefin zu sichern. Sie bildete mit Bärchen als Rudelchef ein perfekt funktionierendes Team… Nach wie vor, wirkte es, als ob die Beiden nichts miteinander am Hut hätten, doch wer hinter die Kulissen schauen konnte, erkannte ihre enge Bindung und Beziehung zueinander.

Eine Geste, eine zufällige Berührung, wie es schien, eine für das menschliche Auge kaum greifbare Kommunikation und die Beiden waren sich einig. Im Auto lagen sie im hinteren Bereich dicht bei einander und es gab niemanden, der sich gewagt hätte in ihren persönlichen Bereich einzutreten…

Auch nach Bärchens Tod, war Alma bis zu ihrem eigenem Ableben ( Jahre später ) die Rudelchefin, die von allen respektiert wurde. Wenn sie ins Auto einstieg, nahm sie keine Rücksicht auf Verluste, sie nahm sich den Platz, der ihr zu stand und schaffte sich den eigenen Freiraum, den privaten Bereich, der ihr allein gebührte.

Doch nie wieder hatte Alma eine solche Beziehung zu einem der nachfolgenden Rudelchefs entwickelt, egal ob es Fenny oder hinterher Teutates wurde, wie sie einst zu Bärchen hatte. Still und heimlich regierte Alma das ganze Rudel, denn Bärchens Nachfolger konnten ihr nicht das Wasser reichen und was die (mittlerweile) alt gewordene Frau befahl, war immer noch Gesetz und wurde ausgeführt.

Wovor sie ihr Leben lang keinen Halt machte, waren weiße Schäferhunde. Mit denen hatte Alma schlechte Erfahrungen gesammelt und ging von 0 auf 100 in einer Sekunde, auch wenn zwischendurch die Beine versagten oder sie das Gleichgewicht verlor, da war sie nicht zu bremsen. Kaum zu fassen, für alle, die sie kannten, wie viel Energie sie aus dem Nichts heraus entfachen konnte…

Alma gehörte 6 Jahre lang zu meinem Rudel – zu mir. Es gibt viele wunderbare Geschichten, die ich über sie erzählen kann, wie sie z. B. zu ihren verschiedenen Spitznamen im Laufe der Zeit kam von Alma – Almina – Alminus – Minus…

Wie sie unterschätzt wurde, weil sie immer geschoren war und man ihr somit fälschlicher Weise Ähnlichkeit mit einem Bobtail nachsagte, woraufhin die Leute sie immer ganz toll und süß fanden und sie streicheln wollten, und kaum, dass sie die Hand zu ihr hin ausstreckten, Alma ihnen demonstrativ ihren Irrtum vorführen wollte….

Wie sie auf Anhieb eine innige Bindung zu meinem Mann aufbaute, sich durch seine bloßen Worte zum Rennen und Stöckchenspielen animieren ließ, sich freute ihn zu sehen und ihm nicht von der Seite wich, während ich einen Kopfstand hätte machen müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen….

Aber eine Geschichte liegt mir am Herzen, die über Almies Lebenswandel:

Ihr Frauchen hatte einen Notfall und ich nahm Alma über Nacht mit zu mir nach Hause. Kaum das wir meine Wohnung betraten, wurde aus meiner langsamen, gediegenen, ruhigen Alma eine Bestie, als sie meine beiden Katzen nur gerochen hatte.

Die Nacht brachte nicht viel Schlaf, denn Alma stand unter Strom und war auf 180, obwohl ich sie vorsorglich von den Katzen getrennt, im Wohnzimmer eingesperrt hatte und mit ihr, Amanda und Schnecke die Nacht im gleichen Raum verbrachte, versuchte sie beim kleinsten Geräusch, welches von den Katzen ausging, die Tür einzurennen. Sie versuchte buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand zu kommen, um meine Katzen zu fressen oder sie in der Luft zu zerreißen …

Die nächsten zwei Jahre brachte Frauchen sie daher woanders unter, bis wieder ein Notfall eintrat und Alma gleich mehrere Tage bei mir verbringen sollte.

Auf das schlimmste vorbereitet, kam ich mit Alma Zuhause an, aber es passierte gar nichts! Sie sah meine Katzen im Flur sitzen und tat NICHTS! Sie schaute sie an und gab keine weitere Reaktion von sich. Ich behielt sie an der Leine, weil ich dem Frieden nicht traute und ließ meine Katzen weitgehend gewähren. Doch Alma hatte kein Interesse mehr an ihnen. Sie knurrte sie nur an, wenn sie zu dicht an sie ran kamen, was die Miezen auch begriffen und das war´s dann auch schon… Thema beendet!

Von nun an, verbrachte Alma immer ihren Urlaub bei uns, arrangierte sich mit den Katzen und es war jedes Mal, als ob sie zu unseren Haushalt gehören würde. Wo sie in ihren eigenen vier Wänden Theater veranstaltet hatte, wenn Fremde die Wohnung betraten und man sie zum Teil wegschließen musste. Akzeptierte sie bei uns alle Besucher, sofern sie eine persönliche Begrüßung bekam…

Doch eines Tages, als Alma ihren Urlaub bei uns antreten sollte, war plötzlich alles anders, denn wir hatten eine dritte Katze, ein Baby, welches hauptsächlich von Teutates aufgezogen wurde. Piu ignorierte meine Katzen und beschäftigte sich viel lieber mit ihren Hundegeschwistern, sie hatte weder Angst, noch Respekt vor Hunden und ließ sich auch durch Knurren nicht beeindrucken…

Um sicher zu gehen, dass nichts geschehen kann, bekam Alma einen Maulkorb um. Aber es geschah nichts! Alma hat mir bewiesen, dass ich ihr im Umgang mit Piu vertrauen kann und bekam den Maulkorb nach 20 Minuten wieder ab. Sie war zwar manchmal genervt, wenn die kleine Katze permanent auf dem Körbchenrand balancierte, über ihren Rücken lief und sie als Klettergerüst missbrauchte, aber sie ließ es auch zu, dass Piu sich an sie kuschelte und mit ihr gemeinsam in ihrem Körbchen ein Schläfchen hielt…

Alma & Piu beim Mittagsschläfchen

Alma fühlte sich bei mir Zuhause und akzeptierte alle Familienmitglieder und das war ein sehr schönes Geschenk für mich.

Um so trauriger machte es mich, als Minus von uns ging, denn ich habe nicht nur meine Rudelchefin und ein Rudelmitglied verloren, sondern auch ein Familienmitglied.

Doch ich bin froh und glücklich darüber, dass wir uns kennen lernen und so viele Jahre miteinander verbringen durften… Und jetzt (nachdem ein wenig Zeit verstrichen ist ) erinnere ich mich mit einem Lächeln an meine Almina, als einen ganz besonderen Hund, der mir wahrscheinlich mehr beigebracht hat, als ich ihr… Ich vermisse sie sehr.

Laila

In dem spanischen Tierheim, in dem man Laila auf 2,5 Jahre schätzte und wo sie genauso lange ihr Leben lebte, hieß sie noch May.

Am 12.09.2010 schlug für sie die Stunde NULL, sie kam als Auswanderin aus Spanien nach Deutschland, bekam einen neuen Namen, ein neues Frauchen und ein neues Zuhause – vermutlich das Erste in ihrem Leben…

Alles war neu, spannend, aufregend und beängstigend zugleich für die kleine Mischlingshündin. Sie kannte bislang nur das Tierheim und dort schien es ihr auch nicht gut ergangen zu sein, denn sie hat eine untypisch kupierte Rute und ein zerfledertes Ohr auf Grund einer Bissverletzung, wie wir vermuten.

Ich lernte Laila am fünften Tag nach ihrer Anreise kennen, als ich sie und Frauchen zum Probelauf abgeholt habe. Da stand sie, zitternd vor Angst und Aufregung, wegen der Strassengeräusche, vor ihrer Haustür… Die Rute unter den Bauch geklemmt, die Ohren schienen an den Hals angewachsen, sie duckte sich bei jedem lauterem Geräusch und wäre am liebsten vor Panik weggelaufen, wenn jemand zu dicht an ihr vorbeiging, sich zu schnell in ihrer Nähe bewegte.

„Sie hat vor allem Angst.“, sagte Frauchen. „Das ist ein Hund mit 100 Baustellen an denen wir arbeiten müssen. Das haben mir die Leute von der spanischen Nothilfe verschwiegen. Sie hat Angst vor Menschen, vor anderen Hunden, vor den Dingen des täglichen Lebens. Sie kennt absolut nichts und all das, was sie jetzt kennen lernt, bereitet ihr Panik… Wenn ich mit ihr rausgehe, klebt sie mir nur am Bein und möchte wieder zurück in die Wohnung. Ich glaube nicht, dass wir eine Schleppleine für den Probelauf brauchen werden, denn sie wird mir vermutlich nicht von der Seite weichen…. “

Laila bekam trotzdem eine Schleppleine, als wir im Auslaufgebiet ankamen. Frauchen lief mit ihr einige Meter vor und ich ließ nach und nach alle meine Hunde zu ihr hinlaufen, um sie zu beschnuppern. Laila wäre bei dem Begrüßungsritual am liebsten in ihr Frauchen reingekrochen, um sich zu verstecken, wenn es möglich gewesen wäre. Da dies nicht ging, stand sie zur Salzsäule erstarrt da und ließ alles über sich ergehen.

Kurz und schmerzlos war die Sache auch schon überstanden und mein Rudel widmete sich anderen Dingen zu, die wichtiger wie Laila zu sein schienen, wie das tägliche „Zeitungslesen“. Laila schaute erst skeptisch, begann sogleich aber mit der Nachahmung und schnupperte ebenfalls mal hier mal da und nahm sich dann jeden Kandidaten aus dem Rudel einzeln vor, um ihn ihrerseits zu beschnuppern, was sie sich vorher nicht traute.

Innerhalb der ersten 200 Meter wurde sie selbstsicherer, sie nutzte die Schleppleine auf der gesamten Länge aus und die Rute richtete sich auf. Dann lief sie mit mir auf gleicher Höhe, beobachtete mich und schaute mir direkt in die Augen. Ich ignorierte sie. Doch als ich sie irgendwann direkt anschaute und ihr somit die Aufforderung gab, zu mir zu kommen, mich niederkniete, um mit ihr auf einer Augenhöhe zu sein, und sie auch mich ausgiebig beschnüffeln konnte, in dem Moment waren ihre Ängste mir gegenüber weggeblasen. Sie fing an vertrauen zu fassen und mich als Rudelführer anzusehen.

Der Probelauf hätte für uns beide nicht schöner sein können. Laila verlor ihre Angst und ihre Scheu den anderen Rudelmitgliedern gegenüber und machte ihrerseits erste Spielaufforderungen. Sie wollte rennen, mitmachen, mitmischen, mitspielen, beobachtete alle und jede Situation, begann sich an mir zu orientieren und sie begann sich eigenständig ins Rudel zu integrieren…. Es war einfach toll zu erleben, wie aus einem Häufchen Angst, ein richtiger NORMALER Hund wurde.

Unsere erste gemeinsame Woche:

Der Probelauf fand am Freitag statt. Als ich am Montag das erste Mal hinfuhr, um Laila abzuholen, war Frauchen auf Arbeit. Die Hauseingangstür stand offen, weil im Hof Gartenarbeiten durchgeführt wurden. Endlich im fünften Stock angekommen, wusste ich nicht, was mich erwartet, weil auch die Wohnungstür sperrangelweit offen stand. Ich ging hinein und rief laut „Hallo“, aber es antwortete niemand. Ich hörte nur laut das Radio spielen… und plötzlich kam Laila um die Ecke aus dem Schlafzimmer und schaute ebenso erschrocken aus der Wäsche wie ich. Scheinbar hat sie sich die Tür selbst aufgemacht, sich aber nicht getraut die Treppen runter zu gehen, was ein Glück für alle Beteiligten war, im Hinblick darauf, dass unten die Hauseingangstür offen stand und sie an einer stark befahrenen Strasse mitten in der City wohnt….

Laila war völlig verängstigt und rannte vor mir weg. Egal wie ich mich ihr nähern wollte, die Panik überwog und sie ging über Möbel und Wände, um von mir weg zu kommen…

Ich setzte die ganze Palette an Beschwichtigungssignalen ein bis ich sie beruhigen und anfassen durfte… Ein Angsthase folgte mir anschließend zitternd auf dem Weg zum Auto und ich musste sie auf den Arm nehmen und reinsetzen…

Sie lag an der Hecktür, wo jeder nachfolgende Hund, der einsteigen sollte, über sie stolpern musste. Sie sabberte vor Stress eine ganze Pfütze, klemmte den Schwanz unter sich ein und bewegte sich keinen Millimeter… Aber als wir im Auslaufgebiet ankamen, sie alle Kandidaten, die mit ihr im Auto saßen, erneut beschnuppern konnte und merkte, wo wir uns befanden, da wurde auf den ersten Metern ein ganz anderer Hund aus ihr.

Ich habe zwei Schleppleinen aneinander gebunden und gab ihr somit 20 Meter Freiraum, die sie auch nicht überschritt. Sie rannte jeweils 19 Meter vor und zurück ohne sich dabei in der Leine zu erhängen und kam immer wieder zu mir zurück, um sich zwischen meinen Beinen zu verstecken, wenn ihr das Spiel zu heftig wurde oder sie Angst bekam.

An unserem Pausenplatz angekommen ließ ich sie an nur einer Schleppleine freilaufen. Sie taute richtig auf, enttäuschte aber auch nicht mein Vertrauen. Laila behielt mich immer im Blick und kam alle Nase lang zu mir zurück…

Auf dem Rückweg behielt ich die Schleppleine wieder in der Hand, denn die Hunde und Menschen außerhalb des Rudels waren ihr noch nicht geheuer.

Als ich sie am Dienstag abholte, hatte Frauchen vorsorglich die Wohnungstür abgeschlossen. Nachdem ich die Tür aufschloss, stand Laila bereits im Flur und wartete. Sie ließ sich an die Leine nehmen und kam bereitwillig mit.

Wir machten weitere Fortschritte, denn ich habe sie schon einen kleinen Teil der Strecke mit der Schleppie aber dennoch frei laufen lassen. Sie lernte das Rudel von Melanie und Bea kennen und bewegte sich relativ Angstfrei zwischen 25 Hunden. Am Pausenplatz lief sie Leinenfrei mit den anderen Hunden mit, spielte mit jedem, der sich anbot und kam immer wieder freudestrahlend zu mir hin, um sich einige Streicheleinheiten abzuholen. Und sie stieg freiwillig ins Auto, als es wieder nach Hause ging.

Am Mittwoch stand die Süße schon hinter der Tür, als ich kam, und begrüßte mich mit einem wedelndem Schwanz. Sie hopste von sich aus gleich ins Auto und begrüßte freudig die anderen Hunde. Den halben Weg lief sie ohne Schleppleine. Sie rannte mit den anderen Hunden auf Hundebesitzer und Hunde zu, die sie in den letzten zwei Tagen kennen gelernt hatte und ließ sich auch von denen anfassen… Sie blühte richtig auf….

Seit Freitag, also nur fünf Tage, nachdem wir uns das erste Mal begegnet sind, läuft Laila wie ein alter Hase in unserm Rudel mit. Sie braucht keine Schleppleine mehr, denn sie hat gelernt, wem sie folgen sollte. Sie hat keine Angst mehr vor fremden Menschen, die wir treffen und auch keine Angst vor Hunden, die sie nicht kennt. Sie geht neugierig auf alle zu und das Rudel gibt ihr Halt und Selbstvertrauen, was täglich wächst. Laila ist kein Angsthase mehr! Nein – sie hat jetzt sogar eine Stimme, die sie auch einzusetzen weiß. Sie ist frech und weiß sich zu wehren, wenn ihr was nicht passt!

Laila hat gelernt zu vertrauen und ihr Vertrauen wird belohnt. Sie hat eine ungeheuere Entwicklung innerhalb von nur 5 Tagen gemacht. Sie war eine Herausforderung und ich bin froh, dass wir uns dieser gestellt haben…

 

Kaila

Kaila war ein Abbild von einem Schäferhund in der Größe eines Pinschers. Sie war ein afrikanischer Srassenhund, den Frauchen während ihrer Dienstzeit dort aufgelesen hat und anschließend mit nach Deutschland brachte.

Als wir uns zum Probelauf trafen, lief sie mit eingezogenem Schwanz am Bein ihrer Besitzerin, knurrte jeden Hund an und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst, weil ihr das Alles unheimlich war. Je mehr sie auf Distanz ging, um so interressanter wurde sie aber für die Rudelhunde, die alle mindestens das doppelte und dreifache von ihrer eigenen Körpergrösse hatten. Keiner wollte ihr was tun, aber Kaila schob Panik, als hätte man sie den Löwen zum Fraß vorgeworfen….

Ihr Verhalten Menschen gegenüber war nicht viel anders. Frauchen erzählte uns, daß sie Angst vor Männern hatte, weil sie von einem Mann schlecht behandelt wurde. Sie hatte auch Angst vor Kindern, weil diese sie als Strassenhund in Afrika mit Steinen beworfen haben. Kaila hatte grundsätzlich Angst, erst Recht hier bei uns in Berlin, weil alles für sie fremd war: die großen Hunde, die großen Strassen, die Menschenmengen, die Autos… Sie war ein kleines zitterndes Etwas, was man am liebsten auf den Arm genommen hätte, um es zu beschützen, aber das mochte sie auch nicht, das machte ihr auch ANGST.

Der Probelauf war für Kaila purer Streß und so dachte ich am Ende, daß Frauchen die ganze Sache dabei belassen würde und wir den kleinen Muck nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Aber Frauchen überraschte uns, obwohl es ihr selbst nicht so geheuer schien, war sie ganz cool und fand, daß Kaila schon aus Therapiezwecken in unseres Rudel aufgenommen werden sollte.

Als ich am darauf folgenden Tag die Wohnung betrat, stand Kaila an der Tür. Sie freute sich ein wenig, kniff aber sogleich den Schwanz wieder ein und war sehr unterwürfig. Als ich mich zu ihr kniete und ihr ans Halsband faßte, um die Leine anzulegen, schmieß sie sich auf den Boden und schrie wie am Spieß.

In dem Moment war ich genauso erschrocken wie sie und ließ schnell die Finger von ihr. Mit freudigen Worten brachte ich das zitternde Hundekind dazu wieder aufzustehen. Ein erneuter Versuch brachte das gleiche Ergebnis – so funktionierte es also schon mal nicht!

Nach einigen Fehlschlägen fanden wir beide eine entspannte Variante des Anleinens: Ich stand aufrecht, ließ Kaila sich an meinem Bein auf zwei Beinen aufrichten, durfte ihr dabei den Kopf tetscheln und die Leine fest machen. Weitere Körperteile durfte ich nicht berühren, dazu war sie noch viel zu mißtrauisch und geriet in Panik.

Frauchen erzählte mir, daß Kaila gern Auto fährt, aber nur, wenn man sie vorne auf den Beifahrersitz läßt. Meine Hündin Amanda räumte ihr diesen Platz gern ein, aber Kaila zog es vor sich im Fußraum breit zu machen, was von nun an ihr persönlicher V.I.P. Platz werden sollte. Und wehe ein anderer Hund wagte es die Nase in ihren Bereich zu stecken, da wurde sie zur Bestie und verteidigte ihren Platz mit gezielten Nasenbissen! Was, wie ich fand, auch Vorteile für mich bot, wenn ich gefressige Hunde mit im Auto hatte, die sich über mein Frühstück hermachen wollten, wenn ich das Auto verließ. – Ich hatte einen Saluki (Windhund) namens Jean Luc, der immer auf der Suche nach Essbaren war. Dieser Hund hatte es drauf alle Küchenschränke auszuräumen und wenn er dabei nur eine Dose mit Kakaopulver gefunden hat, so wurde diese ausgeschleckt… Und ob ich mein Frühstück im Rucksack oder Handschuhfach im Auto verstaute, interressierte ihn auch nicht wirklich, ich weiß nicht wie, aber er schaffte es alles aufzumachen. Bis Kaila kam! Ich legte meine belegten Brötchen unter ihre Decke und konnte mir sicher sein, daß sie da noch im unangeknabberten Zustand lagen, wenn ich sie essen wollte.

Nach und nach machte Kaila eine tolle Entwicklung in unserem Rudel. Man konnte dabei zusehen, wie sie selbstsicherer wurde und Vertrauen gewann. Aus dem zitternden Etwas mit eingeklemten Schwanz wurde eine kleine Diva, die sich durchzusetzen wußte. Die Größe der Hunde spielte bald keine Rolle mehr, wenn Kaila in Stimmung war, spielte sie mit allen. Wenn Kaila übel gelaunt war, dann terrorisierte sie die anderen Hunde. Sie rannte hinter ihnen her, jagte sie regelrcht und zwickte sie ins Hinterteil. Unserer Pointer-Gasthündin Quiri hatte sie soviel Respekt vor sich eingeflüst, daß diese sich gleich auf den Rücken legte, wenn Kaila in Anmarsch war. Nicht das es ihr Etwas genutzt hätte, denn sie wurde trotzdem in den Hintern gezwickt…

Schon bald rannte die Kleinste des Rudels knurrend mit aufgestellter Bürste am Kopf der Gruppe voran, wenn uns fremde Hunde entgegen kamen und machte ein Aufriß durch ihr Gebell – wohlwissend, daß das Rudel hinter ihr ist! Nicht umsonst bekam sie von uns den Rufnamen „Kille“, wobei wir das „R“ am Ende des Wortes immer verschluckt haben. Unser kleiner Kampfhund besaß aber soviel Charme, daß ihr keiner böse sein konnte, wenn sie sich den Spaß machte andere Hunde zu zwicken. Und Spaß hatten wir eine Menge in den vier Jahren, in den Kaila bei uns war. Sie brachte alle zum Lachen, wenn ich sie bei mir Zuhause zur Pflege war, und ich erzählen mußte, daß sich drei Dobermänner nicht auf das Sofa gewagt haben, weil Kaila drauf lag und sie weggeknurrt hatte.

Mein kleiner Schnupsel mußte uns im Juni 2009 leider verlassen, weil Frauchen beruflich wieder nach Afrika ging. Aber wir  halten ihr ein Plätzen im Rudel frei.

Sam

„Hallo. Bin ich da richtig? Ich brauche dringend Hilfe, denn ich bin selbständig und in ganz Deutschland unterwegs und meine Frau ist im siebten Monat schwanger und kann jetzt nicht mehr mit dem Hund runter…“, ertönte es am anderen Ende der Leitung.

Als wir uns im Hundeauslaufgebiet zum Probelauf trafen, hatte es bereits einige Tage durchgeregnet, der Boden war matschig, rutschig und Hunderte von Pfützen ließen den Weg als eine einzige Seenlandschaft wirken.

Aus einem schnicken Auto stieg ein schnicker Kerl aus: schwarzer Hosenanzug, langer schwarzer Wollmantel und dazu die passenden Lackschuhe. Wow, dachte ich, so vornehm ist hier noch Keiner erschienen. Da kam ich mir direkt schäbig vor in den Regenklamotten mit Basecap auf dem Kopf… Mein Blick schien Bände zu sprechen.

„Ich weiß, dass ich nicht unbedingt passend angezogen bin, aber ich habe gleich noch einen wichtigen Termin…“ sagte der Mann und ließ seinen Hund aus dem Auto aussteigen.

Sam, ein Australian Shepherd, war nicht weniger eindrucksvoll als sein Herrchen, ein bildhübscher vier jähriger Rüde, der völlig souverän durch mein Rudel ging und im wesentlichen nur Augen für seinen Besitzer hatte.

Sam und seine Familie waren vor wenigen Tagen aus beruflichen Gründen aus Frankfurt am Main nach Berlin gezogen, wo Sam bereits zwei Jahre lang in einer Hundekita (Hundekindergarten) untergebracht war und den Umgang mit vielen Hunden diverser Rassen gewöhnt war. Der Probelauf verlief daher reibungslos und Sammy sollte gleich am nächsten Tag mit uns mitlaufen.

Die Tür wurde mir von Sam´s Frauchen geöffnet. Ich begrüßte sie, stellte mich vor, als sich mir ein Handwerker in den Weg stellte. „Sprechen Sie Englisch oder Französisch? Sie versteht sonst nicht viel Deutsch, ausser sie sprechen ganz langsam…“, sagte der Handwerker.

Englisch??? Wie jetzt?? Auf nüchternen Magen? Noch vor dem Frühstück?Vom Schock überwältigt, soll ich jetzt Englisch sprechen??? Das verschieben wir auf später, dachte ich, und begann noch mal ganz laaaaanngsaaam auf DEUTSCH.

Mehr Gestik und Mimik und dabei immer Lächeln, dachte sich wohl auch Sam´s Frauchen, als sie mir die Hausschlüssel und Sam übergab.

Innerhalb der nächsten zwei Wochen, hatte ich jeden Morgen viel Zeit mir das Englisch und zum Teil auch Französisch wieder ins Gedächtnis zu rufen, da sich Sam strikt weigerte mit mir mitzugehen und Frauchen ihn jeden Tag einfangen und an der Leine vor die Tür bringen musste. War diese Hürde jedoch genommen, war der Rest ein Kinderspiel:

Sam stieg ohne Bedenken ins Auto, suchte sich den besten Platz aus, und hörte im Auslauf, wie eine Eins auf jedes Wort. Dennoch wirkte er arrogant und unantastbar und gab mir immer zu verstehen, dass er all dies tut, weil es von ihm verlangt wird und nicht, weil er es tun möchte. Das faszinierte mich und ich fand diesen kleinen Kerl mit seinen zwei unterschiedlich gefärbten Augen einfach klasse!

Ich mag Hunde, die wissen, wie sie sich präsentieren müssen, um Eindruck auf die Menschen zu machen. Hunde, um die man sich bemühen muss und die nicht einfach zu jedem hinlaufen und Freundschaft schließen wollen, um ein paar Streicheleinheiten oder ein Leckerchen zu bekommen… Hunde mit eigenem Charakter, deren Blick eine Aussage hat, die kein Mensch nachmachen könnte!

Drei Wochen, nachdem wir uns kennen gelernt haben,  waren Sam und ich Freunde. …Es waren verdammt lange 3 Wochen! …

Von nun an wartete er jeden Morgen, bis ich kam, um ihn abzuholen, und bellte das Haus im fünften Stock  zusammen, kaum das ich den Fahrstuhl im Erdgeschoss betrat.

Wenn die Wohnungstür aufging, hatte ich einen aufgedrehten Australian Shepherd auf Augenhöhe, der freudig an mir hochsprang und mir einen Knutscher mitten ins Gesicht verpasste. Ob Frauchen noch was sagen wollte oder nicht, interessierte ihn nicht, Sam stand schon abmarschbereit im Fahrstuhl und bellte nach mir… „LOS, KOMM!“

Sammy´s Familie war viel unterwegs und so verbrachte er viel Zeit bei mir Zuhause. Meine beiden Dobermänner Amanda  und Snoop haben sich wunderbar mit ihm verstanden und allmählich gehörte Sam schon zu unserem Haushalt und war mein eigener dritter Hund, den ich ins Herz geschlossen habe und liebte…

Wir waren ein Herz und eine Seele… Auch im Rudel genoss er daher einige Freiheiten und stieg neben Fenny, dem Rudelchef meiner Kollegin,  zum Beta – Rüden auf.

Sam war auch bei mir in Pflege, als ich Teutates, meinen dritten Doermann, in unsere Familie holte. Und obwohl ihn das kleine Elend mit neun Wochen arg nervte, war er, wie Snoop, ein toller großer Bruder: Im Auslauf wich er dem Welpen nicht von der Seite und beschützte ihn, wenn Gefahr drohte. Klar und deutlich half er in der Erziehung mit und wies Toy die Grenzen auf….Andererseits war er der Spielkamerad und Kumpel, einfach eine tolle Nanny, die mit viel Geduld agierte…

 

Wir empfanden das Gleiche für einander: LIEBE, in der schönsten und reinsten Form, wie es sie nur zwischen Mensch und Tier geben kann…

Seine Liebe zu mir ging soweit, dass er nach jeder Urlaubsbetreuung und jedem Auslauf nach Hause kam, sein Frauchen in der Tür stehen ließ, zum Fressnapf rannte, inhalierte, was drin war, und wieder im Fahrstuhl stand, um wieder mit mir mitzugehen. Frei nach dem Motto: Bin satt, wir können uns wieder vom Acker machen!

Frauchen hatte für ihn keine große Bedeutung, aber wenn Herrchen mal Zuhause war, dann war Sam vor Freude schon unten im Hausflur kaum zu bändigen… Herrchen war das Non plus Ultra! Und es schien, als beruhte dies auf Gegenseitigkeit, denn auch Herrchen sprach von Sam als seinem „ersten Kind, seinem Sonnenschein, seinem Sohn“ neben dem nur einige Monaten alten menschlichen Töchterchen. Aber der Schein trügt bekanntlich…

Eines Tages rief mich sein Besitzer an und erzählte mir, dass er Hilfe braucht, weil seine Frau Angst um das Kind hat. Die Kleine krabbelt jetzt auf dem Boden und Sam ist wie ein Magnet für sie, aber er knurrt, wenn sie in seine Nähe kommt und verzieht sich, weil er mit dem zehn Monate altem  Kind nichts zu tun haben will. Doch was könnte nicht alles passieren, wenn sie ihn mal bedrängt und er nicht wegrennen kann, …wenn sie laufen lernt und ihm hinterher geht… Man sieht doch soviel im Fernsehen! … Er vertraut Sam blind, aber seine Frau ist ja die Jenige, die ihn den ganzen Tag am Hals hat und Panik hat! …

Als ich Sam am nächsten Tag abholen wollte, bestätigte mir sein Frauchen die Geschichte, erzählte mir aber ein wenig mehr über die gewohnten Verhaltensweisen, über die ich bis dato nichts wusste, wie z. B., dass sie Sam immer wegsperrt, wenn ich ihn nach Hause bringe, weil sie nicht will, dass er das Kind ableckt – „Wer weiß, was er draußen gefressen hat? Und was er für Krankheiten  auf das Kind übertragen könnte?!“, meinte sie.

Sie ist es auch nicht allein, die Angst hat, wenn Sam das Kind anknurrt, Herrchen traut seinem eigenen Hund auch nicht… Außerdem ist das Kind hyperaktiv und unberechenbar und sie kann ihr das Wort „Nein“ nicht begreiflich machen, sie ist mit ihr ausgelastet und überfordert und nicht in der Lage immer präsent zu sein, um das Kind daran zu hindern, den Hund an den Ohren oder am Fell zu ziehen… und der Hund hätte auch ein Recht mal zuzubeißen, weil das Kind sich nicht benehmen kann -man könnte ihm dann auch keinen Vorwurf machen! Aber: Um all dem vorzubeugen, wäre es doch besser, den Hund wegzugeben!

Ich konnte nicht fassen, was ich hörte. Sam hat sich bei mir Zuhause immer und in jeder Situation tadellos benommen, ob Besuch mit Kindern da war oder ich mit meinen Viererpack unterwegs war und wir Kindern begegneten… Ich hätte für ihn die Hand ins Feuer gelegt!

Das war ein Schlag ins Gesicht für uns beide…

Ich bot meine Hilfe und Unterstützung an, empfahl eine gute Hundetherapeutin, die die Lage vorbehaltlos einschätzen könnte und  ein Training aufbauen würde, um den Eltern den richtigen Umgang mit Hund und Kind zu zeigen…Ich bot ihnen an selbst dabei zu sein und beim Training zu helfen und beide Besitzer waren bereit die Hilfe anzunehmen.

Am nächsten Tag baten sie mich jedoch, Sam wieder Mal für eine Woche zu mir zu nehmen, damit sie Urlaub machen konnten, um die Gemüter abkühlen lassen zu können und dann mit neuer Kraft das Training zu beginnen, wenn sie aus dem Urlaub zurück kommen würden…Voller Enthusiasmus und Zuversicht sagte ich natürlich zu und freute mich darüber, mal wieder „meinen Sam“ bei mir zu haben….

Aber alles kam anders. Als ich Sam nach einer Woche wieder nach Hause brachte, eröffnete mir Herrchen, dass er sich im Urlaub nach vielen Gesprächen mit seiner Frau dazu entschieden hat, Sam (nach fünf Jahren) wieder zum Züchter zurück nach Frankfurt am Main zu geben. Alles sei bereits in die Wege geleitet! Er hätte keine Zeit für Experimente und könnte das Alles nicht einzig und allein seiner Frau aufbrummen, die mit dem Kind schon genug beschäftigt ist… und er wäre ja kaum Zuhause…!“

Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich versuchte zu argumentieren… Fragte, wie er denn so kampflos aufgeben könnte, nachdem er noch vor einer Woche um Hilfe bat und diesen Hund, – meinen Sam! – mir gegenüber  „als seinen Sohn, sein erstes Kind betitelte, den er seit 5 Jahren hat und länger kennt, als seine Frau, …den er nie hergeben würde… !“ Ich versuchte ihn mit seinen eigenen Worten, indem ich ihn zitierte, zum erneuten Nachdenken und Überdenken zu überreden! Ich versuchte ALLES, was mir einfiel…Alles umsonst!

Ich merkte, wie die Wut in mir aufstieg, wie ich lauter wurde… Erfolglos!

Die Gefühle haben mich überwältigt…Ich liebte Sam, er war auch mein Hund!!! Er war ein Jahr lang Teil meines Rudels – ein sehr wichtiger Teil! Er war wichtig für mich!

In diesem einen Jahr verbrachte Sam fast mehr als 6 Monate bei mir Zuhause in Pflege ( und wurde auch zu meinem Hund) , weil die Besitzer auf Reisen waren, Urlaub, Babypause etc. oder ihn einfach abgeschoben haben, wie ich jetzt glaube, weil er unbequem war!

1000 Dinge schossen mir durch den Kopf, aber egal, was ich von mir gab, wiederholte der Besitzer immer wieder, dass Sam es gut haben würde bei seinem Züchter: „Der Züchter freut sich schon, es ist bereits alles beschlossen und abgesprochen! Sam wird sein neuer Zuchtrüde und wird dann auf einem großen Hof mit 4 Hündinnen leben, die er beglücken kann….“

„Toll! Toll! Toll!“, –  ich klatschte in die Hände! „ ..und wenn er keinen Bock darauf hat, (- denn Sam war kein Triebtäter und nicht hinter jeder Hündin her! -) oder nicht als Zuchtrüde taugt, wird er dort genauso entsorgt, wie bei Euch!?! Schönen Dank auch!“, sagte ich.

Ich war auf 180 und hätte dem Typ,  die Faust ins Gesicht ziehen können, der mir so maßlos was vorlog, in seinem geschäftlichen Ton auf eine beruhigenden Art und Weise, woran er selbst nicht wirklich glauben konnte ( – davon war ich überzeugt! -)  Und wenn es etwas an seiner Meinung geändert hätte, hätte ich es auch getan, um ihn wach zu rütteln!  Obwohl ich noch nie  zuvor in meinem Leben körperliche Gewalt angewandt habe.

Ich stieg in den Fahrstuhl und konnte meine Tränen nicht mehr kontrollieren…Und als ich mich in mein Auto setzte, welches in zweiter Reihe stand,  heulte ich lauthals… Ich war nicht in der Lage wegzufahren…

Mein tauber Dobermann Snoop -meine Schnecke, der auf dem Beifahrersitz immer neben mir saß, schaute mich entsetzt und verunsichert an. Ich nahm ihn in den Arm und kuschelte mein Gesicht in sein Fell. Amanda schob ihren Kopf zwischen den beiden Sitzen nach Vorne und leckte mein Gesicht ab… Aber nicht nur die Beiden – ALLE wussten, dass Etwas nicht stimmt!

Als ich Zuhause ankam, schaute mein Mann mich an und wusste auch bescheid. Er konnte meine Gedanken lesen, als ich den Ansatz brachte… : Wir hatten eine große Wohnung, aber nur die Genehmigung für 2 Dobermänner, die ausdrücklich im Vertrag standen! Teutates war schon ein unerlaubter „Untermieter“ so gesehen, einen vierten Hund hätte ich auf Dauer nicht als Gasthund reinschmuggeln können…

Mein Verstand wusste es. Mein Herz nicht! Ich konnte Sam nicht so einfach gehen lassen…Wäre das Ganze nur 3 Monate früher passiert, ich hätte Toy nicht angeschafft, sondern Sam behalten. Doch jetzt war Teutates da…

Eine Woche später musste ich von Sam Abschied nehmen – für immer! Ich heulte Rotz und Wasser und es war, als hätte ich meinen eigenen Hund verloren. ..

Alle Versprechungen der Besitzer, dass sie mich auf dem Laufenden halten würden etc., nichts traf ein. Ich hörte nie wieder von Sam, bekam nie eine Adresse des Züchters, um mich mit diesem in Verbindung setzen zu können… Anfragen an die „alten“ Besitzer blieben unbeantwortet!…

Sam II

– Sam II –

Es waren kaum vier Monate vergangen, da hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis: „Ich bin selbständig und kaum noch zu Hause und meine Frau ist im siebten Monat schwanger und kann nicht mehr mit dem Hund runter…“ ertönte es am anderen Ende der Leitung…

Zum Probelauf erschien ein netter und sympatischer Typ mit einem dreijährigen Dobermann namens Sam. Und die Geschichte wiederholte sich. Sam ist aus dem Umland nach Berlin gezogen, hatte bereits Erfahrung im Umgang mit diversen Hunden in einem Gassi-Service sammeln können, gab sich suverän und man mußte sich sehr bemühen, um sein Vertrauen und seine Zuneigung zu erlangen…

Ich erzählte Herrchen von meinem „Sammy“ und seiner Familie, meiner Enttäuschung und Trauer… Und kaum wieder Zuhause angekommen, hatte ich promt eine Mail, in der mir Sam´s Besitzer alles erzählte, was er sich beim Probelauf nicht zu sagen wagte. Auch diese Familie traute ihrem Hund den Umgang mit einem Kind nicht zu. Na ja, d.h. man könnte ihn ja vielleicht noch an das eigene Kind gewöhnen, aber was ist dann später, wenn das Kind Freunde mit nach Hause bringt…???

Und was, wenn er einen Schutztrieb entwickelt und nichts und niemanden an dem Kinderwagen vorbeigehen lassen will ?- Schließlich sprechen wir von einem Dobermann, einem Wach- und Schutzhund!

Man wollte nicht warten und schauen, wie es laufen könnte, wenn das Kind zur Welt kommt. Man wollte sich nicht die Zeit nehmen mit dem Hund zu arbeiten… Nein, Sam stand bereits auf den Nothilfeseiten der Dobereinvereine im Internet und es wurde nach neuen Besitzern gesucht…Wir sollten nur eine Übergangslösung sein, bis sich eine passende Familie für Sam finden würde.

Doch all das Wissen um seine Zukunft schob ich weit von mir, denn es war bereits um mich geschehen und ich hatte den Süssen in mein Herz geschlossen. Als Besitzerin eines Dreierpacks dieser Rasse, muß ich wohl nicht extra erwähnen, daß ich einen Narren an Dobermännern gefressen habe.

Nach einigen Anfangsproblemen schaffte es Sam schon nach einer Woche mir zu vertrauen und mir seine Freundschaft zu schenken. Und insgeheim hoffte ich, daß wir die ideale Lösung für alle gefunden hätten, so begeistert wie Frauchen und Herrchen waren, daß der Hund endlich den verdienten Auslauf bekam und ausgelastet war. Aber ich sollte mich irren…

Sam lief über einen Monat bei uns mit, als ich ihn nach Hause brachte und von Frauchen auf einen Kaffee eingeladen wurde, um einige Dinge abzuklären. Stockend erzählte sie mir, daß sich Leute aus Magdeburg gemeldet haben, die Erfahrung mit Dobis hatten, weil ihr eigener kürzlich verstorben sei. Sie hätten ein Huas mit einem grossen Grundstück, ihre Tochter hätte drei Dobidamen und wohnt in der Nähe… „Es scheint für Sam die perfekte Familie zu sein,“ sagte Frauchen,“aber wir sind uns dennoch nicht sicher…“ In diesem Moment dachte ich, der Stein könnte von meinem Herzen fallen, weil sie es sich doch anders überlegt haben und Sam eine Chance verdienen und bekommen sollte. Pustekuchen!

„Aber wir dachten uns, daß wir Dich erst mal fragen, ob Du Sam nicht haben möchtest, weil ihr Euch so gut versteht und er Dich mag. Und bei Dir hätte er alles, was er braucht zum Glücklichsein: genug Auslauf und andere Hunde Zuhause…“

So gern ich Sam hatte, aber ein vierter Dobermann in einer Mietwohnung…mein Mann… Tausend Gedanken, die mir durch den Kopf schossen… Eine Woche später flossen wieder Tränen, als ich mich von Sam nach unserem letzten Spaziergang verabschieden mußte.

13.06.2008

Bärchen

–   Bärchen  –

Es war noch ganz am Anfang meiner Karriere als Dogwalker, als ich einen unerwarteten Anruf aus Moskau erhielt. Am anderen Ende meldete sich Jemand, der mit seinem Hund in wenigen Wochen nach Berlin ziehen würde und einen Gassi-Service suchte…

Als ich mich auf den Weg machte meinen neuen Kunden kennen zu lernen, wusste ich nur, dass es sich um einen großen, 10 jährigen, unkastrierten Rüden namens Bärchen handeln sollte. Die Rasse „Sarplaninac“ sagte mir nichts und ich wollte mich überraschen lassen. Die Überraschung war perfekt, als die Tür aufging und mir ein 60 kg Kaukase in die Augen blickte. Ich schluckte.

Ein Bekannter von mir züchtete Kaukasen und ich wusste, dass sie sich Fremden gegenüber sehr misstrauisch zeigen und man ihnen mit Vorsicht begegnen sollte…

Zwischen Unmengen an Umzugskartons fand ich mit der Besitzerin eine Sitzgelegenheit und sie erzählte mir die Lebensgeschichte ihres Vierbeiners, während sich dieser einen Platz auf meinen Füssen aussuchte und mir den Kopf auf die Knie legte.

Ich stellte fest, dass Bärchen a) ein Schmusetier war und b) in seinen zehn Jahren mehr von der Welt gesehen hat, als ich mit 29 Jahren.

Sein Frauchen hat ihn 1994 im damaligen Jugoslawien gekauft und „Sarplaninac“ war die jugoslawische Rassebezeichnung für eine Unterart des Kaukasen.

Von Jugoslawien aus gingen sie gemeinsam nach Amerika, wo Bärchens Gassirunden im Central Park von New York statt fanden. Dann zogen sie weiter nach Moskau und nun kamen sie nach Berlin.

Doch hier gefiel es Bärchen nicht so wirklich, da er sein Leben lang Haus und Garten zur Verfügung hatte und sich nun mit einer Wohnung ohne Balkon zufrieden geben musste.

Wir gingen „laut der Besitzerin“ in einen kleinen Park  –   in Wahrheit: eine Grünfläche auf dem Unigelände  – spazieren.

Frauchen machte den Hund von der Leine ab, was mich arg erstaunte, nachdem sie mir eben erzählte, dass ihr Hund sich nicht mit anderen Rüden vertragen würde, und ich sehen musste, dass der „Park“ voll von Hunden unterschiedlichen Geschlechts war.

Schlimmer noch: Die Halterin richtete sich die ganze Zeit über nach dem Hund, als er noch angeleint war, weil er auf  kein einziges Wort reagierte…  ( Zog der Kaukase nach Rechts, dann richtete sich das Leinenende danach und wir schlugen den rechten Weg ein… Wollte er Links etwas erschnuppern,  da halfen auch die Worte: „Bleib hier! Hier gehen wir lang!“ nicht viel, die einfach in unsere Unterhaltung mit eingebaut wurden und dem Hund total egal zu sein schienen, wenn er sie denn überhaupt zur Kenntnis nahm… schon liefen wir links – Querfeldein über die Wiese – immer dem Hund hinterher, der uns den Weg wies!)

Als ich die Frage nach dem Grundgehorsam stellte, manchmal kann ich meinen Sarkasmus nicht verbergen, schauten mich zwei große Fragezeichen an. „Sitz, Platz..“ versuchte ich der Hundehalterin auf die Sprünge zu helfen…

Doch auf die Antwort war ich nicht vorbereitet!: „Nein“ sagte sie, „so was habe ich ihm nie beigebracht. Er ist ein Hund und soll ungezwungen leben können, wenn ich ihn schon der Großstadt aussetze…!“

Wie ungezwungen das Verhältnis der Beiden war, sah ich wenige Augenblicke später, als wir einige Hunde auf der Wiese erblickten. „Schau Bärchie, da ist deine Freundin von heute morgen.“, sagte die Besitzerin und deutete auf eine Schäferhündin, die mit einem Pinscher spielte.

Bärchen setzte seinen Gang unbeeindruckt von ihren Worten in diese Richtung fort. Als er der Schäferhündin ans Hinterteil wollte, stellte sich der Pinscher ihm in den Weg und wollte ihn mit lautem Kläffen und Knurren vertreiben. Bärchen machte kurzen Prozess und nahm sich den Kleinen, der zu seinem Glück schneller und wendiger war, zur Brust.

Das Frauchen von Bärchen blieb im Abstand von 10 Metern wie angewurzelt stehen, schüttelte den Kopf und wiederholte dauernd: „Bärchen! Das hast du doch schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Bärchie, lass das.“

Währenddessen fing die Besitzerin den Pinscher ein und hielt den wutentbrannten und größenwahnsinnigen, zappelnden Hund auf dem Arm. Sie drehte sich links und rechts, immer mit dem Rücken zu Bärchen, als dieser Versuchte an ihr hochzuspringen, um den Pinscher zu erwischen.

Sie brüllte die Besitzerin von Bärchen an, dass diese doch endlich mal ihren Hund holen sollte, aber Bärchies Frauchen stand immer noch  an Ort und Stelle und sagte immer wieder mit betont ruhiger Stimme: „Aber Bärchen, so was macht man nicht!“

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als in das Geschehen einzugreifen. Ich riss der Frau die Leine aus der Hand, rannte los, schnappte mir den Kaukasen am Halsband, entschuldigte mich bei der Pinscherhalterin und zog mit Bärchen von dannen.

Alles worauf ich noch wartete, war der Spruch „Er tut doch nichts, er wollte nur spielen!“

Auf dem Rückweg nach Hause, plumpste es auf einmal neben mir. Als ich hinsah, lag Bärchie (alle Viere von sich gestreckt) mitten auf der Strasse. „Was ist jetzt los?“ fragte ich erschrocken. „Er mag manchmal nicht weiterlaufen, dann schmeißt er sich hin und macht Pause, egal wo wir sind…  Jetzt warten wir so lange, bis er wieder aufsteht.!“, wurde mir erklärt, während Frauchen Bärchies dickes Bauchie zu kraulen begann, als dieser sich, sichtlich entspannt, auf die Seite legte.

 

Am nächsten Tag holte ich Bärchen zu unserem ersten Spaziergang im Hundeauslaufgebiet  ab.

Von nun an lernte er mit 10 Jahren Grundgehorsam und ich testete ihn immer wieder im Umgang mit anderen Hunden. Und weil Bärchen für ein Leckerli selbst einen Handstand gemacht hätte, lernte er schnell…

Nach und nach vergrößerte sich mein Rudel und Bärchen wurde mein erster Rudelführer.

Keiner versuchte ihm den Rang abspenstig zu machen, alle akzeptierten und respektierten ihn. Er war ein souveräner Chef und eine große Kuschelmaus zugleich. Er war einfach toll.

Immer wenn Bärchen bei mir Zuhause in Pflege war, freute sich mein Kater „Baby“ über dessen Anwesenheit. Das große Fellknäuel war toll zum kuscheln – nichts im Vergleich zu unserer Dobermann-Hündin  Amanda mit ihrem kurzen Haarkleid.

Mein Kater turnte auf diesem riesigen Hund rum, machte „Milchtreten“ auf seinem Bauch und schlief auf seinem Rücken. Bärchen, der nie vorher in seinem Leben eine Katze näher als auf 5 Meter gesehen hat, interessierte das alles nicht, er blieb einfach liegen und ließ den Kater gewähren.

Mein „Dicker“ lief zwei Jahre mit uns mit, aber dann schaffte er die Strecke nur noch unter Schmerzmitteln und hatte mehr Spaß an den Pausen, als am Laufen… Daher sagte ich Frauchen, dass ich ihn nicht mehr mitnehmen würde. Ich habe den Job wegen meiner Liebe zu Hunden angefangen, und nicht, um „auf Teufel komm raus“ Geld zu verdienen…

Wenige Monate später wurde bei Bärchen Krebs diagnostiziert. Er hielt sich wacker und schaffte noch weitere zwei Jahre im langsamen Tempo…

Am 19. Mai 2008 wäre mein Bärchie 14 Jahre alt geworden, aber durch den Krebs musste er 3 Wochen zuvor eingeschläfert werden.

Er bleibt für mich unvergessen, als mein erster Rudelchef und mein Kuschelbärchie!

 

Einem alten Hund kann man keine neuen Tricks beibringen, lautet eine jener Weisheiten, die sich auf Englisch (You Can’t Teach An Old Dog New Tricks)  besser anhören als auf Deutsch…  Durch Bärchen habe ich gelernt, dass dies ein Mythos ist!

14.05.2008